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Angelika ist sicher: Wenn ich den Brustkrebs schaffe, finde ich auch wieder einen Job!

Angelika "Mein Leben war schon ohne Brustkrebs hart. Und ich schwimme trotzdem obenauf!"

 
Patientencoaching Brustkrebs Coach
 

Angelikas Lebensgeschichte

Angelika nimmt an einer Maßnahme des Jobscenters im Odenwald teil. Ich führe mit ihr das Auswertungsgespräch zu dem Profil, das anhand eines umfangreichen Fragenkatalogs zu ihren Stärken, Kenntnissen und Fähigkeiten erstellt wurde. Das Profil hilft einzuschätzen, inwiefern sie für den Arbeitsmarkt zur Verfügung steht.

Obwohl ich mir Angelikas Profil im Vorfeld ausführlich angeschaut habe, sprechen wir nicht darüber: Mir ist es wichtig, Angelika kennenzulernen. Also stelle ich mich kurz vor und frage sie nach ihren Erwartungen für dieses Gespräch, ihr Profilergebnis und die Teilnahme an dieser „Aktivierungs- und Eingliederungsmaßnahme“. Angelika (59 Jahre alt) erzählt:

Sie freut sich, in der Maßnahme zu sein, weil sie dadurch außer Haus käme, Termine, Verpflichtungen und soziale Kontakte habe. Das gibt ihr Struktur und Halt. Sie lebt allein mit ihrer Katze. Ihre Freunde haben sich zurückgezogen, seit sie nicht mehr mit zum Saufen geht. Sie habe in jungen Jahren sehr viel Alkohol getrunken und trinke seit 20 Jahren nur noch kontrolliert (1 Glas Wein oder Bier pro Tag). Ihr Patenkind, für das sie sich verantwortlich fühlt, dient als starker Antreiber, ihr Leben vorbildlich zu führen. Ihr ist wichtig, gepflegt zu sein: Niemand müsse sehen, dass sie von Hartz IV lebe. Sie gesteht, für sich allein selten zu kochen, weil dies den Aufwand nicht wert sei. Allerdings bereite sie sich kalte Gerichte sehr liebevoll zu.

Aufgewachsen ist Angelika als eines von elf Kindern. Sie war die einzige, die nicht vom Ehemann ihrer Mutter gezeugt wurde. Ihr leiblicher Vater, so erfuhr sie mit 20 Jahren, war ihr Patentonkel. Dieser missbrauchte sie mehrfach. Ihre Mutter war Alkoholikerin und ist bereits verstorben. Auch der Ehemann ihrer Mutter, den sie sehr mochte, ist bereits tot. Angelika hat im Alter von ca. 16 Jahren zwei Kinder bekommen, die ihr von ihrer Mutter und dem Jugendamt weggenommen worden seien. Sie hat einen Enkel, zu dem kein Kontakt besteht. Das bedauert sie unendlich.

Angelika berichtet, sie besitze weder Bett, noch Waschmaschine. Dies würde das Amt nicht bewilligen. Sie schlafe auf einer dünnen Matratze auf dem Boden und wasche die Wäsche in der Badewanne. Sie ärgere sich darüber, wisse aber nicht, was sie tun könne. Hilfe bei der Beantragung wäre ihr sehr willkommen.

Angelika hat keine Ausbildung oder Umschulung absolviert. Sie hat Berufserfahrung durch verschiedene Putzstellen. Eine Tätigkeit, die ihr liegt und gefällt. Laut Profil passen Berufe im Bereich personenbezogener Dienstleistungen, Reinigung und Hauswirtschaft gut zu ihr. Angelika zeigt sich optimistisch, was ihre Berufschancen betrifft: „Wenn ich nicht dieses Jahr etwas finde, dann nächstes! Und wenn ich den Krebs gepackt habe, dann kriege ich auch den Job auf die Reihe!“

 

Angelikas Leben mit Brustkrebs

Wie alles begann

Patientencoaching Brustkrebs Coach

Angelika hat Brustkrebs. Sie hat den verdächtigen Knoten selbst beim Duschen entdeckt. Erst dachte sie an einen Bluterguss: Vielleicht hatte sie sich irgendwo gestoßen? Zwar tat er nicht, aber… Nach einigen Wochen war der Knubbel immer noch da. Und sie hatte das Gefühl, dass er größer geworden war. Als der Frauenarzt Angelika untersucht hatte, ging plötzlich alles ganz fix: Mammographie und Ultraschall bestätigen den Verdacht auf einen Knoten. Einweisung ins Krankenhaus zur Entnahme einer Probe (Biopsie), Warten auf den Laborbefund und Bestätigung des Verdachts auf einen bösartigen Tumor. Operation, Bestrahlung und Chemo.

Alles lief wie am Schnürchen. Angelika fühlte sich in der Klinik gut aufgehoben, wurde nie vor Entscheidungen gestellt, die sie nicht hätte treffen können oder wollen und vertrug die Therapie relativ gut. Das ist jetzt drei Jahre her.

 

Angelikas Grad der Behinderung (GdB)

Als ich sie nach ihrem GdB (Grad der Behinderung) frage, weil der essentiell ist für die Jobs, die ihr vermittelt werden können, hebt Angelika erstaunt die Augenbrauen. Ich erkläre ihr, dass sie das Recht auf einen Schwerbehindertenausweis hat. Dazu wird der Schweregrad ihres Tumors anhand der international üblichen TNM-Klassifikation herangezogen. Je nach Ausprägung bekommt Angelika in den ersten fünf Jahren nach der Entfernung eines bösartigen Brusttumors einen GdB von 50, 60 oder 80.

Diese sog. Heilungsbewährung steht allen betroffenen Frauen zu. Angelika wusste davon nichts.

Ich  erkläre Angelika, dass sie den GdB behördlich feststellen lassen muss und dass sie sich dazu ans Versorgungsamt wendet. Alternativ kann sie den Antrag auch auf der Webseite http://www.einfach-teilhaben.de/DE/StdS/Schwerbehinderung/GdB_Ausweis/karte_ausweis_formulare_.html?nn=276622 herunterladen.

Ich weise Angelika darauf hin, dass sie mit dem GdB als Behinderte gilt: „Eine Behinderung ist im Neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX) wie folgt definiert: "Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist."“ (Quelle: https://www.vdk.de/deutschland/pages/teilhabe_und_behinderung/9216/grad_der_behinderung_gdb)

Bekommt Angelika einen GdB von mehr als 50 zugesprochen, gilt sie als Schwerbehinderte und hat Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis. Damit ist sie berechtigt zu bestimmten Nachteilsausgleichen (u.a. Steuern, Kündigungsschutz). Die besonderen Regelungen zum Kündigungsschutz nützen ihr zwar momentan wenig, aber da sie zuversichtlich  ist, wieder eine Anstellung zu finden, sind diese vielleicht in Zukunft wichtig.

 

Wie Angelikas Brustkrebs sich auf ihre Familie auswirkte

Angelika erzählt von ihren Kindern und wie diese mit ihrem Brustkrebs umgehen

Diese erste kleine praktische Hilfe lässt Angelika dankbar übersprudeln: Was sie am meisten belaste und bedrücke, seien weder die finanziellen Sorgen, noch die Angst vor einer Rückkehr des Krebses oder auch vor Metastasen. Nein, es ist das gestörte oder besser gesagt: nicht vorhandene Verhältnis zu ihren Kindern und ihrem Enkel.

Ihre Tochter hat sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, obwohl diese im Nachbarort lebt. Bei zufälligen Begegnungen schaut diese weg und geht kommentarlos davon.

Patientencoaching Brustkrebs Coach

Ihren Sohn hat sie in den letzten Jahrzehnten immerhin ein- bis zweimal im Jahr getroffen. Er ist verheiratet und lebt mit Frau und Sohn 30 km entfernt. Eigentlich hatten sie ein ganz gutes Verhältnis. Kein enges und vertrautes, aber immerhin eins, das ok war.

Als Angelika nach der Verdachtsdiagnose Brustkrebs vom Frauenarzt kam, rief sie ihn an. Sie erzählte von dem Knoten. Er antwortete barsch: „Na da hast Du ja endlich wieder etwas, womit Du Aufmerksamkeit kriegst!“

Was bitte war das denn? Wie konnte er nur?! Diese Herzlosigkeit macht ihr immer noch zu schaffen. Wieso wies er sie nur so kalt und herzlos ab? Als ob sie sich ausgesucht hätte, Brustkrebs zu bekommen?!

Wenige Tage später rief er an: Angelika solle auf den Kleinen aufpassen, er wolle sich mit seiner Frau ein schönes Wochenende machen. Angelika sagte, sie sei gerade im Krankenhaus und werde morgen operiert. Er legte einfach auf: „Toll, immer ist irgendwas Anderes bei Dir!“

Monate später, als es Angelika nach OP, Chemo und Bestrahlung wieder besser ging, trafen sie sich. Angelika sagt, nur des Kleinen zuliebe. Als sie ihren Enkel nicht hochnahm, weil sie sich noch immer sehr schonen muss, blaffte die Schwiegertochter sie an: „Stell Dich nicht so an! Bist doch operiert, ist doch alles gut jetzt!“

Angelika biss die Zähne zusammen, hob Elias mit schmerzenden Armen auf und kuschelte sich an sein Lockenköpfchen. Sollten die Tränen ruhig laufen, sie würde alles tun, um dem plappernden Blondschopf nahe zu sein. Dafür hat Angelika bezahlt: Die Arme schmerzten wochenlang, schwollen an. Lymphdrainage, Kompressionsbandagen, Bewegungsübungen halfen wenig.

Noch heute plagt sie sich mit den Spätfolgen dieses Besuchs. Nicht so sehr körperlich, das Lymphödem hält sie schon aus. Aber dass ihre Kinder so herzlos und gemein mit ihr umgehen, kann sie nicht verstehen. Wir sprechen darüber, was sie tun kann.

Als ich diese Maßnahme verlasse, vertraue ich Angelika der Obhut der anderen Coaches an.

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Lange noch geht mir Angelikas Geschichte durch den Kopf. Und die Reaktion ihrer Kinder zu ihrer Erkrankung. Was bringt Menschen dazu, sich so kalt und abweisend zu verhalten? Was kann Angelika helfen, den Kontakt zu Elias zu bewahren? Und wie findet sie einen guten Weg für den Umgang mit ihren Kindern?

Fragen, bei denen ich Angelika gern helfen würde.

Fragen, die ich mir stelle und von denen ich nicht weiß, ob es die sind, die Angelika derzeit umtreiben.

Wenn sie sich meldet, werde ich es erfahren.


Wenn auch Du Fragen und Probleme hast, die Du meiner Hilfe beantworten und lösen willst, ruf mich einfach an (0151 - 56 000 468) oder schreib mir eine E-Mail. Ich bin gern für Dich da.

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Wie alle Geschichten hier im Blog ist auch Angelikas Geschichte zu ihrem Schutz verfremdet worden.

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Quelle: http://www.versorgungsmedizinische-grundsaetze.de/Weibliche%20Geschlechtsorgane%20%20Versorgungsmedizinische%20Grunds%C3%A4tze.html


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